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12.09.2013

Eine verborgene Botschaft

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 15. September 2013.

Vom Suchen des Verlorenen und von der Freude des Wiederfindens ist heute im Evangelium die Rede. Beide Gleichnisse, die Jesus heute erzählt, wollen zeigen, dass es sich lohnt, auch scheinbar nicht so Wertvolles so lange zu suchen, bis es wiedergefunden ist.

 

Der Anlass für die beiden Gleichnisse (und für das unmittelbar anschließende vom verlorenen Sohn) ist die Empörung frommer Leute darüber, dass Jesus sich mit Unfrommen an einen Tisch setzt. Diese Frommen haben die Unfrommen ("Zöllner und Sünder") bereits abgeschrieben. Sie gelten ihnen als hoffnungslos Verlorene, für die sich keine Mühe lohnt. Sie werfen Jesus vor, dass er "sich mit Sündern abgibt". Was soll das bringen? Wieso ihnen Aufmerksamkeit widmen, ihnen gar Liebe zuwenden?

 

Glauben wir nicht, dass nur die damaligen "Pharisäer und Schriftgelehrten" solche endgültigen Urteile im Herzen trugen! Fragen wir uns lieber, wie viel Kritik, Ablehnung, Vorverurteilung über andere wir selber mit uns herumtragen. Wie oft urteilen wir sehr endgültig über bestimmte Menschen: Da ist nichts weiter zu machen, nichts zu holen, nichts zu wollen! Wir kommen gar nicht auf die Idee, dass es noch eine Chance, eine Hoffnung, eine Zukunft für diese von uns Abgeschriebenen gibt.

 

Wie anders ist da der Zugang Jesu. Es ist, als ziehe es ihn geradezu hin zu den "hoffnungslosen Fällen". Seine Logik ist so ganz anders. Wegen nur einem verlorenen Schaf gleich neunundneunzig andere zurücklassen, unbewacht, und somit gefährdet? Und wegen einer wertlosen Münze das ganze Haus durchfegen? Lohnt sich dieser Aufwand? Gehören nicht Verluste zum Leben? Warum dem einen Schaf, dem einen Geldstück nachweinen? Jesu Botschaft ist stark: Gott schreibt keinen ab. Niemand ist für ihn wertlos. Deshalb geht er jedem nach, und mag er uns noch so verloren scheinen.

 

Diese Zusage enthält eine wichtige versteckte Botschaft. Sie richtet sich an die neunundneunzig "Gerechten, die es nicht nötig haben umzukehren", das heißt, die glauben, sie bräuchten keine Änderung in ihrem Leben, bei ihnen sei ja alles in bester Ordnung, anders als bei diesen "Sündern". Jesus gibt diesen Selbstgerechten ein Signal. Denke daran: Auch du kannst dich eines Tages verlaufen, auf Irrwege kommen. Auch du kannst ein "verlorenes Schaf" werden, obwohl du jetzt so selbstsicher von dir glaubst, das könne dir niemals passieren. Du hast immer so schnell über die "verlorenen Schafe" den Stab gebrochen. Auch du kannst, schneller als du denkst, eines von ihnen sein, einer, auf den die anderen mit dem Finger zeigen.

 

Dann, so ist Jesu versteckte Botschaft, ja auch dann wird Gott dich nicht abschreiben. Auch dann noch wird Er dir nachgehen, dich im hintersten Gestrüpp suchen, in dem du dich verfangen hast. Jesus lädt uns alle ein, uns, die wir uns oft für so gerecht und so gesichert halten, mit Ihm über jeden herzlich zu freuen, der heimfindet. Denn dieser heimgekehrte Verlorene, das könnte ja auch meine Geschichte sein.