Samstag 18. April 2026

Schnellsuche auf der Website

26.08.2013

Radio Stephansdom-Sommergespräch: Christine Nöstlinger

Radio Stephansdom spricht mit der Erfinderin der feuerroten Friederike.

Radio Stephansdom: Sind Kinder kritische Leser?

Christine Nöstlinger: Nein, nicht sehr. Sie sind nicht kritisch in dem Sinn, wie ein Erwachsener Kritik versteht. Kinder haben zwei Kriterien bei Kinderbüchern: lustig und spannend. Lustig verstehe ich ja irgendwie, aber spannend – da denke ich mir, meine Bücher sind doch überhaupt nicht spannend. Ich stelle mir unter spannend etwas ganz anderes vor. Anscheinend ist es für ein Kind schon spannend, wenn es von einer Geschichte fasziniert ist und mitlebt.

Und wenn Kinder kritisch sein mögen, dann sind sie auf alle Fälle auch sehr höflich: Ich habe noch nie ein Kind getroffen, das zu mir gesagt hätte: "Ich finde ihre Bücher langweilig". Solche Kinder gibt es sicher, die meine Bücher nicht mögen. Kinder können Kritik nicht so richtig verbalisieren, wenn ihnen ein Buch nicht gefällt, klappen sie es zu. Ein Kind ist nicht so ein Kulturleser wie ein Erwachsener, der zum Beispiel sagt: "Ist das ein schwieriges Buch, da muss ich warten bis ich Urlaub habe und dann muss ich mich darin vertiefen". So liest ein Kind nicht.

 

Radio Stephansdom: Sie haben zwei Töchter, welche Bücher haben Sie ihnen zu lesen gegeben? Haben Sie ihnen auch vorgelesen?

Christine Nöstlinger: Ich habe Ihnen nie vorgelesen, sie haben relativ früh lesen können. Ich habe ihnen sehr viele Geschichten erzählt, teils alte Geschichten, Märchen, teils von mir erfundene. Aber die haben gelesen, was sie lesen wollten.

 

Radio Stephansdom: Auch Ihre eigenen Bücher?

Christine Nöstlinger: Nein, die kann ich meinen Kindern doch nicht antragen. Ich glaube schon, dass sie die Bücher irgendwann gelesen haben, aber was sollen sie denn sagen – ich war eine nette Mama, sie sehen, ich plage mich beim Arbeiten, sollen sie dann sagen: "Also das ist ein Schmarrn, was du da geschrieben hast?" Das kann man von einem Menschen nicht verlangen. Ich habe eigentlich früher immer geglaubt, sie lesen die meisten Bücher von mir nicht, aber ich bin dann später, wie sie schon Erwachsen waren, draufgekommen, dass sie eigentlich die meisten Bücher gekannt haben und doch gelesen haben. Aber da haben wir nie darüber geredet. Und es wird ihnen sicher nicht alles gefallen haben.

 

Radio Stephansdom: Wie haben Sie zu lesen begonnen? Welche Bücher sind Ihnen noch in Erinnerung?

Christine Nöstlinger: Also in der Nazi-Zeit habe ich kaum Bücher gehabt, es gab kaum welche und Nazi-Bücher hat meine Mutter nicht gekauft. Ich erinnere mich noch sehr schmerzlich, dass wir einmal in der Schule, ich glaube zu Hitlers Geburtstag, ein Buch geschenkt bekommen haben: "Mutter erzählt von Adolf Hitler". Und mir hat das so gut gefallen, weil es in knallrotes Leinen gebunden war, mit Goldschrift, ein relativ kleines Büchlein. Ich bin stolz damit nachhause gekommen und meine Mutter hat es gepackt, hat es zerrissen, in den Ofen geworfen – und hat erklärt und geschimpft: "Mutter liest nicht von Adolf Hitler." …